Interview mit Andreas Winkelmann, dem Autor des Buches „Moorland – Die Zwillinge“

Lieber Andreas,
Ich bin so glücklich, dass du bereit bist, ein schriftliches Interview mit mir zu machen – vielen Dank für deine Zeit und dafür, dass du dabei bist!








© Phil Porter, Bremen

Wenn Du Dich mit drei Wörtern beschreiben müsstest: Welche wären das?

Verträumt. Zielstrebig. Humorvoll.

Gab es ein Buch oder eine Geschichte, die Dich zum Lesen gebracht hat – oder die vielleicht sogar der Auslöser war, selbst schreiben zu wollen?

Ja, das gibt es. Dabei handelt sich um das Kinderbuch „Die Kinder vom Teufelsmoor von Werner Schrader. Ich komme aus einem Elternhaus ohne Bücher, dort wurde nicht vorgelesen. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir vorgelesen als ich in die Grundschule ging. Eine Deutschlehrerin las am Ende ihres Unterrichts immer für zehn Minuten aus dem oben genannten Buch vor – und legte bei dem kleinen Andreas den Grundstein, selbst lesen und später auch schreiben zu wollen.

Was fasziniert Dich am Thriller-Genre – und was ist für Dich das Besondere am Schreiben von Thrillern?

Ich setzte mich gern mit dem Bösen als Antagonisten zum Guten auseinander, und da alle Menschen beides in sich tragen, setze ich mich damit auseinander, wozu Menschen fähig sind – im Guten wie im Bösen. Das ist ein sehr weites und sehr interessantes Feld. Es lässt Raum für Möglichkeiten, und egal, wie oft du dieses Feld erntest, immer wächst etwas nach. Und da ich in diesem Genre meine Protagonisten wunderbar an ihre Grenzen führen kann, kann ich alle menschlichen Emotionen ausleuchten, das ist anstrengend und herausfordernd, trägt aber auch zur eigenen emotionalen Entwicklung bei.

Wie findest Du Deine Ideen? Hast Du bestimmte „Orte“, Routinen oder Auslöser, die Dir beim Denken neuer Bücher helfen?

Ideen finde ich überall, Inspiration auch. Wenn ich mit offenen Augen und Ohren durchs Leben gehe, anderen zuhöre, mich für ihre Geschichten interessiere, können mir dir Ideen für meine Geschichten niemals ausgehen. Dazu kommen Medien wie das Internet oder Zeitschriften. Oft braucht es für mich nur eine kurze Initialzündung, aus der meine Fantasie dann eine Geschichte formt. Was mir auch hilft, sind meine Abenteuerreisen. Sie erweitern meinen Horizont, das ist wichtig für die Kreativität.

Zwei vermisste Mädchen. Eine unerbittliche Moorlandschaft. Und eine Gemeinde, in der jeder etwas zu verbergen hat.

Dichte Nebelschwaden hängen über der Marsch, als die 18-jährigen Zwillinge Nike und Jana von einem ihrer Ausflüge ins Moor nicht zurückkehren. Die Suche durch die eiskalte, unwegsame Landschaft bleibt erfolglos, nur eine Kamera deutet auf das Verschwinden der Mädchen hin. Als plötzlich verstörende Bilder von Jana auf ihrem TikTok-Kanal auftauchen, beginnt Kommissarin Malia Gold unter Hochdruck zu ermitteln. Mit jedem Schritt sinkt sie tiefer in den Sumpf aus Lügen und Geheimnissen, die die verschworene Gemeinde zusammenhalten. Doch um die beiden Schwestern zu finden, würde Malia alles tun – sogar sich ihrer eigenen dunklen Vergangenheit stellen …

Nach seinem Psychothriller Ihr werdet sie nicht finden kehrt Erfolgsautor Andreas Winkelmann mit einem weiteren Pageturner erster Güte zurück. So atmosphärisch , dass man den nasskalten Nebel auf der Haut spüren kann!

Was hat Dich zu Moorland inspiriert – und warum genau dieses Setting? Was macht das Moor für Dich als Schauplatz so besonders?

Wie ich oben schon geschrieben habe, spielte das erste Buch, aus dem mir vorgelesen wurde, im Moor, genauer im Teufelsmoor bei Bremen. Die Geschichte hat mich schon sehr geprägt. Später, als Jugendlicher, bin ich dann am Rande eines Moores aufgewachsen und haben mit meinem älteren Bruder oder Freunden viel Zeit dort verbracht und Abenteuer erlebt. Mein älterer Bruder wäre dort beinahe ertrunken, und zusammen haben wir im Moor unsere ersten Irrlichter gesehen. Für uns war das damals ein Monster, das uns fressen wollte, wir hatten beide ganz schön die Hosen voll, das weiß ich noch sehr genau. Eigentlich war es immer klar, dass ich eines Tages schriftstellerisch ins Moor zurückkehren würde. Dazu ist diese Landschaft so wunderbar mystisch aufgeladen, so fremdartig und geheimnisvoll, kaum eine anderes Setting kann da mithalten.

In Moorland trifft Ursprüngliches auf Moderne: Menschen, die den Ort kennen, als wäre er ihre Westentasche, und junge Leute, die ihn (auch) als Bühne für Social Media nutzen. Wie war es für Dich, diese beiden Welten zusammenzubringen?

Es ist ohnehin verwunderlich, dass es in dem dicht besiedelten Raum, in dem wir leben, noch so etwas wie Wildnis gibt. Aber diese Wildnis ist heutzutage natürlich nicht mehr so wie früher. Auch dort ist die Moderne eingezogen. Daher war es für mich zwangsläufig, Vergangenheit und Zukunft zusammenzubringen. Gerade das Moor als Speicher längst vergessener Zeiten eignet sich hervorragend dafür. Zudem liegt ein interessantes Spannungsfeld zwischen Moderne und Vergangenheit, das sich sehr gut für einen Thriller eignet.

Wie entwickelst Du Deine Figuren? Startest Du eher mit den Charakteren, dem Setting oder der Handlung – und wie war das konkret bei Moorland?

Ich starte mit einer Idee. Und während ich schreibe, entwickle ich alles andere. Die Figuren, die Charaktere, die Handlung, die Emotionen. Um schreiben zu können, muss ich schreiben, vorher zu plotten liegt mir nicht. Ich finde es spannender, sozusagen als Erstleser in die Geschichte zu starten und mich davon überraschen zu lassen, wie sie sich entwickelt. Es gibt bei mir also kein Reißbrett, an dem ich plane, alles findet allein im Kopf, in der Fantasie statt. Wenn man so intuitiv schreibt, muss man im zweiten und dritten Durchgang einiges überarbeiten, das bleibt nicht aus, ist für mich aber total okay.

Was war beim Schreiben von Moorland für Dich das Leichteste – und was das Schwierigste? (Gerne ohne Spoiler.)

Das Leichteste waren die Beschreibungen der Landschaft, des Moores. Weil ich mich dort auskenne und zur Vorbereitung auf die Schreibarbeit viel im Moor unterwegs gewesen bin. Ich habe die Geräusche und Gerüche und verschiedenen Stimmungen der Landschaft eingesogen, sie dann später zu Papier zu bringen, war daher leicht und hat viel Spaß gemacht. Und weil das Moor angsteinflößend sein kann und ich meinen Leserinnen und Lesern Angst machen will, bin ich nachts allein dort unterwegs gewesen, um authentisch über diese Angst schreiben zu können. Ich hoffe, das funktioniert und ihr fürchtet euch ordentlich beim Lesen.
Schwieriger war es, das Dorf mit seinen Einwohnern zu entwickeln. Einerseits bin ich ein Landei und kenne mich mit den Menschen und Gegebenheiten in kleinen Ortschaften aus, aber für einen Roman eine ganze Dorfgemeinschaft zu entwickeln, darauf zu achten, wie sie zusammenwirken, welche Schnittstellen es gibt, vor allem in der Vergangenheit, das war eine große Herausforderung – dazu gehört auch der Eltern-Kind-Konflikt, der eine tragende Rolle spielt. Leider kenne ich das aus eigener Erfahrung, was einerseits den Zugriff auf eigene Emotionen erleichtert, andererseits musste ich sie erneut durchleben, obwohl ich für mich schon damit abgeschlossen hatte.

Hast Du Tipps für Menschen, die gerade erst mit dem Schreiben beginnen?

Okay, hier wird es jetzt ein bisschen emotional. Von meiner Seite aus. Weil ich für mich erkannt habe, dass es nur einen Weg gibt, Bücher zu schreiben, die Menschen lesen möchten. Was du nicht in den Text legst, können andere nicht darin finden. Deshalb musst du alles hineingeben. Du musst mit Leidenschaft schreiben, dich mit deinen Gefühlen auseinandersetzen, dich verletzlich machen, du musst alles selbst durchleben, was deine Figuren durchleben, und wenn du vom Schreibtisch aufstehst, musst du total erschöpft sein, den einen Tag himmelhochjauchzend, den anderen zu Tode betrübt.
Und dann gilt es, durchzuhalten. Mach dein Ding, schau nicht nach rechts und links, bleib unbeirrbar, vertrau auf deinen Instinkt. Wer schreiben und veröffentlichen will, muss für die lange Strecke gemacht sein, es kann dauern, bis sich ein erster Erfolg einstellt, bei mir waren es fünfzehn Jahre. Aber. Es lohnt sich auf jeden Fall!

Und vielleicht auch einen Tipp für Menschen, die schon länger schreiben, aber aktuell vielleicht nicht weiter wissen?

Wahrscheinlich kennen alle, die schreiben, solche Phasen. Auch ich. Es hakt hinten und vorne, man ist nicht inspiriert, findet keine Lösungen, irgendwie fühlt sich alles fade an. Ich mache dann folgendes: Bloß nicht am Schreibtisch sitzen bleiben und grübeln. Das macht alles nur noch schlimmer. Rausgehen, mit dem Hund laufen, den Rasen mähen, vielleicht ein kleines Abenteuer in der Natur erleben, auf jeden Fall etwas Körperliches machen, sich auspowern. Dadurch wird der Kopf frei, die Barrieren fallen, die Kreativität kommt zurück und oft stellen sich Lösungen ein, auf die man zuvor niemals gekommen wäre.
Das geht nicht immer, ich weiß. Manchmal muss man einfach auf dem Hintern sitzen bleiben und den verdammten Job machen. Wenn das so ist, darf man keine Angst haben, Mist zu verzapfen. Einfach drauflos schreiben, egal, was zustande kommt. Wenn es Mist ist, kannst du es später immer noch wegwerfen oder überarbeiten, wichtig ist nur, ins Schreiben, in den Flow zu kommen, dann läuft es irgendwann von allein.

Was wünschst Du Dir, dass Leser*innen nach der letzten Seite von Moorland mitnehmen?

Da es sich bei Moorland um eine Reihe handelt, wünsche ich mir, dass die Leserinnen und Leser die Lust auf den zweiten Teil mitnehmen. Dass sie sich vielleicht in die Protagonisten verliebt haben, wissen wollen, wie es weitergeht mit ihnen. Das wäre großartig.

Gibt es noch etwas, das Du Deinen Leser*innen gern mitgeben möchtest?

Toll, dass ihr lest. Das ist nicht mehr selbstverständlich. Dabei ist es so schön, sich in neue, fremde Welten entführen zu lassen, die Zeit und den Alltag für ein paar Stunden zu vergessen und sich mit nichts und niemandem vergleichen zu müssen.
Bewahrt euch das!

Letzter Post Nächster Post

Entdecke mehr von pinkie reads

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen