Interview mit Vera Buck

Liebe Vera,
vielen Dank, dass Du bereit warst ein schriftliches Interview mit mir zu machen! Danke für deine Zeit und dafür, dass Du dabei bist!
© Rafael Dos Santos
Liebe Vera, mit welchen drei Wörtern würdest Du Dich beschreiben?
Drei Worte: Ich erzähle Geschichten. 🙂
Gibt es zwei Angewohnheiten, die Du mit uns teilen wollen würdest? (Gerne persönlich, aber auch buchig.)
Selbst wenn ich spät dran bin, kann ich an keinem Buchladen vorbeigehen, ohne schnell die Nase hineinzustecken. Und: ich gehe spazieren, wenn ich in einer Geschichte feststecke.
Wann hast Du zum ersten Mal den Wunsch verspürt, Autorin zu werden? Gibt es ein Buch oder einen schreibenden Menschen, der Dich dazu inspiriert hat?
Geschichten und Bücher haben mich schon sehr früh begleitet. Der Wunsch, selbst Autorin zu werden, kam im Kindergarten, ich habe daher meine ersten (sehr dilettantischen ;)) Bücher geschrieben, bevor ich in die Schule kam. Enid Blyton und ihre Abenteuergeschichten waren mein großes Vorbild.
Gibt es ein Buch, das Du neben Deinen eigenen Büchern immer wieder gerne empfiehlst?
Da fällt mir als erstes „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak ein. Ich empfehle es immer wieder, weil ich die Idee, aus der Perspektive des Tods zu schreiben, so genial finde. Und es behandelt ein sehr ernstes Thema, ohne dass das Buch einen runterzieht.
Wie sieht ein typischer Schreiballtag bei Dir aus? Und bist Du beim Schreiben eher Plotterin oder Pantserin?
Ich bin eine Frühaufsteherin und morgens am kreativsten. An manchen Tagen arbeite ich vormittags aus einem Café heraus, an anderen bleibe ich lieber zuhause. Ich habe gelernt, einfach mit dem zu gehen, was am jeweiligen Tag am besten funktioniert.

Millionen wollen sein wie sie.
Doch ihr Leben ist eine gefährliche Lüge.
In der Luxussiedlung Sancta Familia in Florida hat Lea endlich, wonach sie sich immer gesehnt hat: ein sicheres Zuhause, eine Tochter, die sie über alles liebt, und einen Mann, der sie auf Händen trägt. Für ihr schillerndes Leben wird sie online von Millionen gefeiert – nur ihre Schwester Paula misstraut der makellosen Inszenierung. Als Lea plötzlich verstummt, reist Paula besorgt von Deutschland nach Florida. Doch in der Sancta Familia ist ihre Schwester nicht. Ihr Mann behauptet, sie sei in einem Retreat. Aber warum gibt es kein Lebenszeichen? Je tiefer Paula in die scheinbar heile Welt der Siedlung eindringt, desto sichtbarer werden die Risse: Strenge Regeln erfordern bedingungslosen Gehorsam. Und Frauen, die sich widersetzen, verschwinden …
Was ist für Dich das Schöne, aber vielleicht auch das Herausfordernde am Schreiben von Thrillern?
In meinen Büchern geht es immer auch um politische, gesellschaftliche und soziale Themen. Das Schöne und zugleich Herausfordernde ist es für mich, diese mit einer spannenden Geschichte zu verbinden, ohne dass die Spannung darunter leidet oder der Roman belehrend wirkt.
Was liebst Du als Autorin an diesem Genre? Und warum, glaubst Du, lesen wir Leser*innen Thriller so gerne?
Ich liebe es, falsche Fährten zu legen und Erwartungen so zu unterlaufen, dass die Auflösung überrascht und sich rückblickend trotzdem logisch anfühlt. Im besten Fall liegen alle entscheidenden Hinweise offen vor dem Leser und werden nur zunächst anders gedeutet. Wenn man am Ende denkt: „Natürlich, ich hätte es sehen müssen!“, dann ist die falsche Fährte gelungen.
Und ich glaube, dass Thriller so beliebt sind, weil sie es einem erlauben, Gefahr im geschützten Rahmen zu erleben. Gänsehautmomente zu bekommen, das Buch aber auch jederzeit zuklappen zu können.
Hast Du einen Tipp für Menschen, die gerade mit dem Schreiben beginnen oder aktuell vor einer Schreibblockade stehen?
Einfach anfangen. Ein Text darf am Anfang unfertig, widersprüchlich und sogar schlecht sein. Überarbeiten kann man nur etwas, das bereits auf dem Papier steht. Ein Schreibcoach an der Seite zu haben kann am Anfang auch unglaublich hilfreich sein.
Deine Bücher leben sehr stark von ihrer Stimmung und Atmosphäre. Wie gelingt es Dir, diese beim Schreiben zu erschaffen?
Der Ort, an dem meine Geschichten spielen, ist mir so wichtig, dass ich gerne sage, er ist der eigentliche Protagonist. Ich entwickle ihn mit derselben Sorgfalt und Komplexität wie meine Figuren. Die Atmosphäre entsteht dann nicht als bloße Kulisse, sondern trägt die Geschichte so stark, dass sie nirgendwo sonst spielen könnte.
Was war zuerst da: Deine Figur Lea als Influencerin oder die Idee rund um die Sancta Familia?
Das ist eine gute Frage. Vermutlich Lea, denn die Idee für das Buch entstand aus dem Wunsch heraus, über das Tradwife-Phänomen zu schreiben, und da hatte ich sehr schnell das Bild einer entsprechenden Influencerin vor Augen. Aber das Setting und diese besondere, beklemmende Atmosphäre dort sind untrennbar mit dieser Idee verbunden.



Was hat Dich besonders daran gereizt, diese Geschichte zu schreiben? Gab es reale Fälle oder Gemeinschaften, die Dich bei Deiner Recherche inspiriert haben?
Mich hat vor allem die Frage gereizt, warum junge, aufgestellte Frauen heute freiwillig in ein Rollenmodell zurückkehren, das frühere Generationen mühsam überwunden haben: zurück an den Herd und in eine Abhängigkeit vom Mann. Was macht dieses Versprechen so attraktiv? Ist es die Sehnsucht nach Sicherheit und klaren Verhältnissen, die Überforderung durch die vielen Ansprüche an moderne Frauen – oder die Ästhetik eines vermeintlich einfachen, harmonischen Lebens, wie sie in den sozialen Medien inszeniert wird?
Darf ich fragen, was Dich an dem Thema „Tradwife“ besonders interessiert hat? Welche Seiten dieser scheinbar perfekten Lebensweise wolltest Du mit Deiner Geschichte beleuchten?
Mir war es wichtig, das Thema komplex zu behandeln und beide Seiten zu beleuchten. Es hat einen Grund, wenn so viele Frauen sich nach mehr Einfachheit sehnen. Keinesfalls wollte ich das Thema einseitig darstellen oder das Hausfrauendasein an sich kritisieren. Mich interessierte vielmehr, wer in diesem Lebensmodell die Regeln festlegt, wer davon profitiert und was mit den Frauen geschieht, die ihre Meinung ändern oder der vorgesehenen Rolle nicht mehr entsprechen. Hinter der scheinbaren Perfektion können finanzielle Abhängigkeit, Isolation und Gewalt nahezu unsichtbar werden.
Wie bist Du auf den Namen „Sancta Familia“ gekommen? Und wie hast Du die Regeln und Strukturen dieser Gemeinschaft entwickelt?
Der Name „Sancta Familia“ transportiert genau das Ideal, das die Gemeinschaft nach außen vertritt: Die Familie als etwas Reines, Unantastbares und beinahe Heiliges. Gleichzeitig klingt er feierlich und verheißungsvoll und besitzt doch etwas Strenges.
Die Regeln und Strukturen habe ich aus dem Grundgedanken der Kontrolle entwickelt. Mich faszinieren solche in sich geschlossenen Gemeinschaften, und es ist nicht das erste Mal, dass ich mich mit dem Thema befasse. Auch in „Wolfskinder“ beispielsweise spielt es eine zentrale Rolle. Besonders wirkungsvoll wird Kontrolle dann, wenn die Betroffenen beginnen, sich selbst und einander zu überwachen.
Leas Schwester Paula scheint die makellose Inszenierung von Anfang an zu hinterfragen. Was war Dir bei der Dynamik zwischen den beiden Schwestern besonders wichtig?
Mir war wichtig, dass Paula nicht einfach diejenige ist, die alles durchschaut, während Lea sich täuschen lässt. Die beiden führen sehr unterschiedliche Leben und haben jeweils ihre eigenen blinden Flecken. Paula betrachtet Leas Welt kritisch, versteht aber zunächst nicht vollständig, was Lea dort gesucht und gefunden hat.
Die Schwesternbeziehung sollte außerdem komplex sein. Zwischen Lea und Paula gibt es Nähe, aber auch alte Verletzungen, Missverständnisse und Urteile. Gerade deshalb bedeutet Paulas Suche nach Lea mehr als eine klassische Rettungsaktion: Sie muss lernen, ihrer Schwester wirklich zuzuhören und deren Entscheidungen zu verstehen. Beide wachsen daran.
Was wünschst Du Dir, dass Leser*innen grundsätzlich aus Deinen Büchern und ganz besonders aus „Keine Angst, Darling“ mitnehmen?
Zunächst wünsche ich mir natürlich, dass meine Bücher fesseln, man sie gern liest, und die Geschichte nach der letzten Seite noch nachwirkt.
„Keine Angst, Darling“ berührt ein Thema, das oft im Verborgenen bleibt: häusliche Gewalt beginnt nicht immer mit einem sichtbaren Übergriff. Sie kann mit einem ungleichen Machtverhältnis anfangen, mit Abhängigkeit, die Sicherheit verspricht, oder mit Kontrolle, die sich langsam in eine Beziehung einschleicht. Ich wünsche mir, dass der Roman den Blick für solche Mechanismen schärft – und vielleicht auch dafür, wie trügerisch Bilder von Perfektion sein können.