Interview mit Ursula Poznanski über Canvas und Cryptos

Liebe Ursula,
vielen Dank, dass Du bereit warst, ein schriftliches Interview mit mir zu führen! Danke für Deine Zeit und dafür, dass Du dabei bist!
© Gaby Gerster
Liebe Ursula, gibt es zwei Angewohnheiten, die Dich ausmachen und die Du mit uns teilen möchtest? Gerne dürfen diese natürlich auch etwas mit Büchern oder dem Schreiben zu tun haben.
Bei Gewohnheiten denke ich zuerst an mein tägliches New-York-Times-Wordle beim ersten Kaffee des Tages. Wenn es um Gewohnheit beim Schreiben geht, dann ist es das Schreiben selbst. In dem Sinn, dass ich es wirklich täglich tue, wenn ich an einem Buch arbeite. Einfach, um in der Geschichte drin zu bleiben und mich nicht nach einer Pause wieder neu orientieren zu müssen.
Gab es ein Buch oder einen Menschen, der Dich dazu inspiriert hat, selbst Autorin zu werden?
Wenn ich einen herauspicken soll, dann wäre das wahrscheinlich J.R.R. Tolkien. Ich habe mit 12 oder 13 das erste Mal den „Herrn der Ringe“ gelesen und war nicht nur von Spannung und Story begeistert, sondern auch von dem Gefühl, eine richtige Welt zu betreten, mit eigenen Sprachen und einer jahrhundertealten Geschichte. Deshalb wollte ich ursprünglich auch Fantasy schreiben.
Du schreibst sowohl Jugendbücher als auch Literatur für Erwachsene. Was macht für Dich den Reiz daran aus, für beide Zielgruppen zu schreiben? Und wo liegen für Dich vielleicht auch die Herausforderungen?
Der Reiz liegt sicher darin, dass ich auf diese Weise nicht auf ein Genre festgelegt bin. Im Jugendbuch kann ich meiner Fantasie freieren Lauf lassen; bei Büchern für Erwachsene dafür härtere Szenen schreiben. Prinzipiell ist es aber da und dort so, dass ich immer Geschichten schreibe, die ich auch selbst gern lesen würde. Im Grunde richten sich also auch die Jugendbücher an alle Altersgruppen.
Hast Du einen Tipp für Menschen, die gerade mit dem Schreiben beginnen möchten oder vielleicht aktuell sehr mit sich und ihrem eigenen Text hadern?
Der erste Tipp, den wahrscheinlich alle Autor:innen geben, heißt Lesen. Möglichst viel und möglichst unterschiedliche Dinge. Dann einfach herumprobieren, Texte nicht nur anfangen, sondern auch fertig schreiben und sich an den Gedanken gewöhnen, dass Schreiben Zeit braucht. Ach, und Finger von KI lassen.
Wie sieht der Schreibprozess bei Dir aus? Plottest Du Deine Bücher sehr genau oder lässt Du manche Dinge auch während des Schreibens auf Dich zukommen?
Ich plotte in dem Sinn, dass ich den Kern der Geschichte kennen muss. Den Anfang und die Auflösung. Bei einem Krimi wäre das zum Beispiel: Wer ist der Mörder, warum tut er, was er tut. Ich mache mir relativ viele Gedanken zu meinen Figuren, bevor ich loslege, aber was die konkrete Handlung angeht, passiert sehr vieles direkt beim Schreiben. Da fallen mir Dinge ein, auf die ich beim Vorab-Plotten nie gekommen wäre.

Janas neueste Welt ist eine Art Stellenvermittlung. Man kann sich hier für Jobs in anderen Welten bewerben: Arbeiten, die niemand machen will, die aber wichtig sind, damit alles möglichst echt wirkt. Als Entlohnung winken neue Pässe für die schönsten Welten von Mastermind. Denn seitdem die Erde für ein Leben zu heiß geworden ist, verbringen die Menschen ihre Tage überwiegend im Virtuellen. Nur eine kleine privilegierte Elite, zu der auch die Gründerfamilie von Mastermind gehört, genießt das milde Klima in den wenigen noch lebenswerten Regionen der Erde. Aber dann macht sich Widerstand bemerkbar …
Du möchtest wissen, wie ich das Buch fand? Hier findest Du meine Rezension: Canvas von Ursula Poznanski – Rezension
Deine Bücher greifen immer wieder Themen auf, die sehr nah an unserer Wirklichkeit sind und sich manchmal fast erschreckend real anfühlen. Wie findest Du die Themen, über die Du schreiben möchtest?
Naja, ich finde sie eben im richtigen Leben. Es sind ja Themen, die permanent präsent sind.
Wie recherchierst Du für Deine Bücher? Gerade bei den Welten aus Cryptos und Canvas stelle ich mir die Recherche besonders spannend, aber auch herausfordernd vor.
Bei Cryptos und Canvas war die Recherche eigentlich nicht aufwendig, weil ich da ja nur den Regeln meiner selbst entworfenen Welt folgen muss (was manchmal schwierig genug ist). Ich habe zu Klimathemen recherchiert, aber was die Technik angeht eigentlich kaum, nachdem ich die selbst erfunden habe.
Bei Büchern wie „Das Signal“ zum Beispiel war der Rechercheaufwand wesentlich höher.
Ich persönlich liebe Deine Bücher unter anderem deshalb, weil Du es schaffst, mit Deinen Geschichten sehr unterschiedliche Menschen und Altersgruppen abzuholen. Was ist Dir beim Schreiben besonders wichtig? Gibt es etwas, das Du Deinen Leser*innen grundsätzlich mitgeben möchtest?
Ich habe keine Botschaft im Sinne von einer Moral der Geschichte. Ich denke aber, dass man fast aus allen meiner Bücher eine Haltung herauslesen kann, wenn man das möchte. Das mit den unterschiedlichen Menschen und Altersgruppen finde ich großartig; ich liebe es, wenn Bücher von den Jugendlichen an die Eltern und eventuell auch an die Großeltern weitergereicht werden.
Wie bist Du ursprünglich auf die Idee rund um Jana, die verschiedenen Welten und Cryptos gekommen?
Anstoß war ein Vortrag über KI und was mit der Gesellschaft passieren würde, wenn menschliche Arbeit plötzlich nicht mehr gebraucht würde. Was würde man dann tun? Wie würde man die Zeit verbringen? Geld hätte man wahrscheinlich nicht viel, wenn überhaupt. Also müssten die, die einen Staat oder Kontinent lenken, sich etwas einfallen lassen, damit es keine Aufstände gibt. Das wäre die Befriedigung von Grundbedürfnissen – also Nahrung und Unterkunft – und Unterhaltung. In Cryptos kommt hinzu, dass die reale Welt alles andere als reizvoll geworden ist, aber mit vielen aufregenden virtuellen Welten kann man die Menschen trotzdem zufrieden halten und ruhig stellen.
Wie war es für Dich, nach mehreren Jahren wieder zu Jana und in ihre Welt zurückzukehren? Hattest Du ihre weitere Geschichte die ganze Zeit im Hinterkopf oder gab es einen bestimmten Auslöser, durch den Du wusstest, dass Du sie weitererzählen möchtest?
Ich hatte eigentlich unmittelbar nach Cryptos schon die Idee, eine Fortsetzung zu schreiben. Dafür, dass es so lange gedauert hat, gab es dann einige Gründe. Verlagsvorlieben, neue Ideen – und am Ende wollten wir, dass Canvas im selben Jahr erscheint wie die Graphic Novel zu Cryptos.



Noch vor Canvas ist die wunderschöne Graphic Novel zu Cryptos erschienen. Wie war es für Dich, Deine Welten und Figuren auf diese Weise visualisiert zu sehen? Hat sich dadurch vielleicht auch Dein eigener Blick auf einzelne Welten oder Figuren verändert?
Das war großartig, was aber einfach auch daran liegt, dass Christopher Tauber und Timo Grubig so fantastische Arbeit geleistet haben. Die Graphic Novel hat meinem Text nichts genommen, im Gegenteil, sie bereichert ihn um einige tolle, originelle Elemente.
Wie gehst Du an die Entwicklung der verschiedenen Welten heran? Entstehen diese zuerst durch Bilder in Deinem Kopf oder entwickeln sie sich eher aus dem heraus, was die Geschichte gerade benötigt?
Die Welten zu erfinden ist das, was mir bei diesen beiden Büchern den allergrößten Spaß gemacht hat. Ein paar hatte ich schon vor Schreibbeginn im Kopf, einige sind aber auch total spontan entstanden. „Chocolat“ hätte ich gerne schon in Cryptos untergebracht, aber jetzt hat es in Canvas seinen Platz gefunden.
Gab es bei der Rückkehr in Janas Welt besondere Herausforderungen? Musstest Du zum Beispiel noch einmal sehr genau darauf achten, welche Regeln bereits in Cryptos festgelegt wurden?
Ja. Und eine oder zwei davon hätte ich gerne wieder gestrichen, aber das geht dann eben leider nicht.
Kann man Deiner Meinung nach auch mit Canvas beginnen, wenn einen die Geschichte dieses Buches zunächst mehr anspricht? Oder würdest Du empfehlen, Cryptos vorher zu lesen?
Mehr Spaß hat man wahrscheinlich, wenn man Cryptos schon kennt, mit dem System der Kapseln und der Welten vertraut ist – dann ist es wahrscheinlich ein bisschen wie Heimkommen. Aber es wird alles noch einmal grob erklärt, ich denke also, dass man Canvas auch zuerst lesen kann.